Arbeiterfürsorge [1]

Arbeiterfürsorge [1]

Arbeiterfürsorge befaßt sich mit der Lage der von Unternehmern beschäftigten Lohnarbeiter in wirtschaftlicher, moralischer, rechtlicher und sozialer Hinsicht, und hat besondere Bedeutung für die industriellen Arbeiter, da in Beziehung auf diese am leichtesten der Vorbeugung oder Heilung bedürfende Mißstände entliehen.

Die Arbeiterfürsorge ist teils eine obrigkeitliche, behördliche, teils eine private und betätigt sich auf den verschiedensten Gebieten. Sie äußert sich vor allem in der Sorge für eine angemessene rechtliche und politische Stellung des Arbeiters, im Arbeiterschutz, in der Arbeiterversicherung und in der Arbeitsvermittlung, ferner in den besonderen Maßnahmen zur Hebung des geistigen und sittlichen Standes und des materiellen Wohls der arbeitenden Klassen. Zu diesen Maßnahmen gehören neben der Sorge für einen guten, zweckentsprechenden Schul- und Fortbildungsunterricht die Wohlfahrtseinrichtungen von Arbeitgebern und sonstigen Einzelpersonen und von gemeinnützigen Stiftungen und Vereinen (Vereine für Arbeiterwohl, für Volkswohl, für das Wohl der arbeitenden Klassen u.s.w. sowie zahlreiche auf die Förderung einzelner Spezialgebiete gerichtete Vereine). Einen breiten Raum nimmt neben den auf Verbesserung der Einkommensverhältnisse der Arbeiter gerichteten Bestrebungen die Fürsorge für die Herstellung guter, gesunder und billiger Wohnungen und Unterkunftsräume ein. Ferner gehören hierher die Maßnahmen zur Sicherung zweckmäßiger Ernährung und Kleidung, die Gründung von Konsumvereinen, von Arbeiter(Fabrik-)sparkassen, Vorschußkassen, Kranken-, Sterbe-, Pensions- und Witwenkassen u. dergl. Sodann seien erwähnt die Gründung von Wöchnerinnenheimen, Kinderpflegeanstalten und Krippen, Kindergärten u.s.w., von Handarbeitsschulen, Koch- und Haushaltungsschulen, von Mädchen- und Burschenheimen, von Arbeiterbildungsvereinen, Erholungshäusern, Lesezimmern und Volksbibliotheken, die Veranstaltung volkstümlicher Konzerte, Vorträge und Theatervorstellungen zu billigen Preisen, die Einrichtung von Volksheilstätten, Rekonvaleszentenheimen, Ferienkolonien, Volksbädern u. dergl., die Veranstaltung von Ausstellungen für Volksgesundheitspflege und Volkswohlfahrt (in Deutschland von Reichs wegen errichtete Händige Ausstellung für Arbeiterwohlfahrt in Charlottenburg) und Arbeiterreisen zur Besichtigung solcher Ausstellungen. Endlich gehören hierher alle Maßnahmen zur Anbahnung und Förderung sozialer Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. In Deutschland haben die verschiedenen Vereinigungen für Arbeiterwohl u.s.w. ihre Zentrale in der 1891 gegründeten Zentralstelle für Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen mit dem Sitz in Berlin und mit dem statutenmäßigen Zweck der Sammlung und Sichtung von Material über Einrichtungen zum Besten der unbemittelten Volksklassen, der Auskunftserteilung über Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen und der Weiterverbreitung der gemeinnützigen Bestrebungen durch Abhaltung von Konferenzen, Herausgabe von Schriften und andre geeignete Mittel. Der Zentralstelle sind zahlreiche Regierungen, staatliche und städtische Behörden, Korporationen, Vereine und Einzelpersonen (Industrielle und Industriefirmen) als Mitglieder beigetreten. Im übrigen vgl. a. Arbeiterschutz, Arbeiterversicherung, Arbeiterwohnungen, Arbeitsnachweis, Fabrikgesetzgebung, Gewerbehygiene, Unfallverhütung.


Literatur: Sehr ausführliche, ins einzelne gehende Darstellung bei Dammer, Handbuch der Arbeiterwohlfahrt, 2 Bde., Stuttgart 1902 und 1903, und bei Albrecht, Handbuch der sozialen Wohlfahrtspflege in Deutschland, Berlin 1902; ferner v. Schönberg, Handbuch der politischen Oekonomie, 4. Aufl., Tübingen 1898, 2. Bd., 2. Halbbd., Abhdl. XXII, S. 178 ff.; reiches Material auch in den Schriften der Zentralstelle für Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen; in der »Sozialen Praxis«, Zentralblatt für Sozialpolitik, herausgegeben von E. Francke (Leipzig) und den[273] verschiedenen Vereins- und Verbandsorganen: »Der Arbeiterfreund«, Zeitschrift für die Arbeiterfrage, Organ des Zentralvereins für das Wohl der arbeitenden Klassen (Berlin); »Arbeiterwohl«, Organ des Verbandes katholischer Industrieller und Arbeiterfreunde (Köln); »Konkordia«, Zeitschrift der Zentralstelle für Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen, herausgegeben von Post, Hartmann, Albrecht und v. Erdberg (Berlin); »Volkswohl«, Organ des Zentralvereins für das Wohl der arbeitenden Klassen (Dresden), u.a.

Köhler.


http://www.zeno.org/Lueger-1904.

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